Der Ursprung meiner Karriere
Ob Studium, Hobby oder erster Job – die verschiedenen Stationen im Leben prägen nicht nur die Persönlichkeit eines Menschen, sondern auch seine Karriere. Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Gesellschaft berichten, wie sie wurden, was sie sind.

Bodo
Ramelow

Gute Politik erfordert Neugierde auf andere Meinungen, Fähigkeit, Kompromisse nicht als notwendiges Übel zu verstehen, Bereitschaft, Irrtümer zuzugeben und Mut, neue Wege zu gehen.
Bodo Ramelow
Ministerpräsident des Landes Thüringen (Linke)
Kaufhaus-Azubi
Als Schüler hatte ich zu kämpfen. Ich war Legastheniker, ohne es zu wissen. Und so unterstellten meine Lehrer mir Faulheit, denn ich galt als intelligent. Mein Vater starb, als ich acht war. Meine Mutter war fortan die Familienernährerin und konnte mich wenig unterstützen. Mit 14 begann ich dann eine Lehre als Einzelhandelskaufmann in einem Gießener Kaufhaus. Wo es mir da am besten gefiel? In der Abteilung für Wild und Geflügel.
Gewerkschafter
Auf diesem Bild bin ich 29 Jahre alt und Sekretär der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen. Schon in der Lehre habe ich mich für bessere Arbeitsbedingungen eingesetzt und wäre deswegen fast gefeuert worden. Als Gewerkschafter habe ich gelernt, dass viele Unternehmer den Grundgesetz-Satz, dass Eigentum verpflichtet, ernst nehmen, andere aber dem Profit fast alles unterordnen. Da muss der Staat eingreifen.
Wossi
Nach dem Mauerfall habe ich als gebürtiger Westdeutscher miterlebt, wie die Treuhand viele Betriebe in den ostdeutschen Bundesländern dichtmachte. Die schwierigste Zeit waren dabei vermutlich die 80 Tage des Hungerstreiks der Kumpel im Kalibergwerk von Bischofferode. Auch 30 Jahre Jahre nach dem Mauerfall bin ich überzeugt, dass Ost und West immer noch voneinander lernen können, zum beiderseitigen Vorteil.
Redaktion: Elisabeth Niejahr
Fotos: Privat
Gestaltung und Produktion: Marcel Stahn & Sebastian Feltgen

Jochen
Kienbaum

Schon in der Schule war mir klar, dass ich ins Familienunternehmen einsteige – weil ich wollte, nicht weil ich musste! So habe ich es auch an meinen Sohn weitergegeben
Jochen Kienbaum
Geschäftsführender Gesellschafter des Beratungshauses Kienbaum
Manager-Gen
Durch unser Familienunternehmen lernte ich bereits als Kind die Welt eines Unternehmers kennen. Das führte dazu, dass mein Berufswunsch schon zu Schulzeiten „Manager“ lautete. Mein erstes eigenes Geschäftsmodell habe ich auf dem Pausenhof ausprobiert: Ich verlieh kleinere Mengen Geld an meine Mitschüler – Zinsabrechnung inklusive.
Kunst-Sinn
Neben dem Studentenleben und der allgegenwärtigen Weltpolitik faszinierte mich im geteilten Berlin der Siebzigerjahre die Kunstszene. Am Ku’damm erwarb ich mein erstes Werk, das meine Sammlung begründete. Die ist heute Bestandteil unserer Unternehmenskultur. In allen Büros wird sie präsentiert, bei Events bringen wir Künstler, Mitarbeiter und Kunden zusammen.
Gründer-Mut
Nach dem Studium gründete ich 1977 Kienbaum Berlin. Vielen Unkenrufen zum Trotz war ich überzeugt, im totgesagten Berlin ein Wirtschaftswunder aufbauen zu können. Den Fokus richtete ich auf die Suche und Auswahl von Führungskräften. Schnell zeigte sich, dass Personalentscheidungen im internationalen Kontext gesehen werden müssen – so ist auch Kienbaum global gewachsen.
Redaktion: Claudia Tödtmann
Fotos: Privat
Gestaltung und Produktion: Marcel Stahn & Sebastian Feltgen

Jens
Ehrhardt

Ich habe 2004 den Tsunami in Thailand erlebt, das hat mich verändert. Ich war danach bereit, meinem Sohn mehr Verantwortung zu geben. Jetzt arbeite ich mit 77 weiterhin gerne, weiß aber, dass es auch ohne mich ginge.
Jens Ehrhardt
 Vermögensverwalter, Gründer DJE Kapital AG
Cola-Verkäufer
Während meiner 1947 begonnenen Schulzeit galt für mich: über null Grad kurze Hose. Lederhosen waren auch in Hamburg beliebt, günstig und unverwüstlich. Ich war eher ein Einzelgänger, half den Stärkeren in Mathe und genoss ihren Schutz. Mein Vater, Fotograf und Filmemacher, hielt mich kurz. Beim HSV arbeitete ich als Cola-Verkäufer, aber Fußball interessierte mich nie. Ich lieh mir von dem Geld lieber mal ein Segelboot.
Pfandbrief-Fan
Um mein Studium in München zu finanzieren, habe ich Skripte mündlicher Prüfungen und Versicherungen verkauft. Und für Dallmayr Delikatessen ausgefahren. Ich fühlte mich sicher, als ich Mitte der Sechzigerjahre 200 Mark anlegen konnte, bei der Sparkasse, in Pfandbriefen. In meiner Promotion ging es um den Einfluss der Geldpolitik auf Aktien. Dass es eines Tages Negativzinsen geben und ich mal Milliarden von Euro betreuen würde, war für mich unvorstellbar.
Star-Manager
100 000 Mark habe ich mit Leerverkäufen der IOS-Aktie des US-Hallodri Bernie Cornfeld verdient, die ich für zu teuer hielt. Mit dem Geld machte ich mich 1974 als Vermögensverwalter selbstständig. Dass ich den hohen Gewinn meiner Vorsicht verdanke, hat mich geprägt und ist bis heute stilbildend – auch für die von meinem Sohn Jan (Foto) entwickelte Onlinevermögensverwaltung. Mein Depot dort checke ich stets per Handy.
Redaktion: Heike Schwerdtfeger
Fotos: PR (3)
Gestaltung und Produktion: Claudia Immig & Marcel Stahn

Simon 
Moroney

Wir haben als Dienstleister für Big Pharma begonnen – und dann entschieden, selbst Medikamente zu entwickeln. Es braucht Mut, das Geschäftsmodell zu verändern – aber am Ende zahlt es sich aus
Simon Moroney
Gründer und Chef von Morphosys
Der Chemiker
Aufgewachsen bin ich in Waikato in Neuseeland. Schon als Schüler war ich an Naturwissenschaften interessiert. Meinen Masterabschluss legte ich in Chemie ab – hier sieht man mich bei der Urkundenübergabe. Ich bin Neuseeland sehr verbunden, aber mir war klar: Um Karriere zu machen, musste ich ins Ausland. Mit einem Stipendium kam ich an die Universität von Oxford.
Der Reisende
Es folgten Wanderjahre: Ich arbeitete an der Harvard Medical School in Boston, in Zürich, Kanada und an der University of Cambridge in England. Beflügelt vom Biotechboom in den USA, kam ich 1991 mit dem Ziel nach Deutschland, etwas Neues aufzubauen: eine Sammlung von Milliarden menschlicher Antikörper – als Basis für neue Medikamente gegen Viren oder Krebs.
Der Gründer
Anfangs stand ich noch täglich im Labor. Der Vater des Mitgründers lieh mir 30 000 Mark. Geld war Anfang der Neunzigerjahre für Biotech-Start-ups schwer zu bekommen. Es war eine harte Zeit, mit zahlreichen schlaflosen Nächten. 1999 gingen wir an die Deutsche Börse, 2018 an die NASDAQ. Bald gebe ich den Chefposten ab. Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist.
Redaktion: Andreas Menn
Fotos: Privat, PR
Gestaltung und Produktion: Marcel Stahn

Bernhard
Paul

Unter hohem Druck entsteht aus Kohle Diamanten – dieser Satz eines holländischen Priesters hat mich mein Leben lang getröstet.
Bernhard Paul
Gründer des Zirkus Roncalli
Kindheitstraum
Als in meiner österreichischen Heimat Wilhelmsburg 1953 der Zirkus Rebernigg gastierte, war die ganze Stadt wie verzaubert – ich auch: In allen Straßen standen Zirkuswagen. Mit meinen sechs Jahren half ich beim Aufbau, schleppte Stühle und bekam zum Dank eine Freikarte. Dann wusste ich: Ich will ein Clown werden. Für mich ein Traum, für meine Mutter der Albtraum. Sie drohte: „Wenn du nichts lernst, endest du im Zirkus oder unter der Brücke.“
Entscheidung
Nachdem ich etwas Vernünftiges gelernt und Grafik studiert hatte, war ich schon mit 28 ganz oben: Art Director für Porsche in der besten Werbeagentur Wiens. Ich fragte mich 1975: Sollte das alles gewesen sein? Nein, ich kaufte mehrere Zirkuswagen, ein altes Zelt, suchte mir eine italienische Artistenfamilie, gründete Zirkus Roncalli und trat nun zweimal täglich als Clown auf. Mit dabei war anfangs André Heller, der für mich eine furchtbare menschliche Enttäuschung war. Ein Streit über die Konzeption der Vorstellung führte zu einem Bruch samt jahrelangem Streit vor Gericht und hohen Schulden für mich.
Rettung
Als ich allein weitermachte, ging’s bergauf. Mit Roncalli hatte ich einen eigenen Stil erfunden, mit Orchester statt Musik vom Band und optisch durchgestylt. Das Kölner Publikum war 1978 meine Rettung: Immer wieder verlängerten wir, immer war alles ausverkauft – und am Ende waren alle meine Schulden bezahlt. Mein Traum wurde zur Traumfabrik, mit verschiedenen Veranstaltungen und einer riesigen Sammlung von Zirkusgegenständen.
Redaktion: Claudia Tödtmann
Fotos: imago-images, Privat (3)
Gestaltung und Produktion: Marcel Stahn & Sebastian Feltgen
Produziert mit Storyflow
Katarina Barley, Andrea Henkel oder Alfred Biolek: Entdecken Sie weitere Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Gesellschaft.

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